Gwerbliche Schule Nagold

Die wirtschaftlichen und politischen Umstände der Schulgründung

Die Schule nimmt am 12. Januar 1849 als freiwillige Handwerkerschule den Betrieb auf. Ihre Entstehung ist verschränkt mit der des Gewerbevereins und der Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49. Was der Redakteur des "Gesellschafters" am 10.März 1848 auf so blumige Art begrüßt ("Auch in unser Tal ist der Geist des freisinnigen Fortschritts gedrungen"), ist eben die Umbruchstimmung, die andernorts sehr schnell zur "Märzrevolution" führen sollte. Initiator der Schule ist der örtliche Gewerbeverein, der wiederum selbst erst ein Vierteljahr zuvor durch den Dekan Stockmeyer gegründet wurde. Nach Hermann Bausinger hat man darin allerdings nicht einen revolutionären Akt als vielmehr die "Installierung einer bürgerlichen Ordnungsmacht gegen drohende bürgerliche Unruhe und Unordnung"(5) zu sehen. Denn der Dekan als offizieller Repräsentant des Oberamts handelte "als Regierungsvertreter". Vereins- und Schulgründungen entsprachen einer Strategie der Monarchie, "gefährliche Eruptionen zu verhindern".(6 )


Einer der Hauptzwecke des Vereins ist die Bekämpfung des Freihandels, worin die Ursache des Niedergangs des ehrbaren Handwerks gesehen wurde. Gewerbevereinsgründung und seine politische Stoßrichtung können somit als Strategie von oben betrachtet werden, möglichen sozialen Protest rechtzeitig zu kanalisieren. Der Zollverein von 1834 setzte das heimische Gewerbe der übermächtigen Konkurrenz der preußischen Rheinprovinz aus, und die württembergische Gewerbeordnung von 1828 hob die Zünftigkeit von 13 Gewerben auf. Damit fiel eine wesentliche Schranke gegen die Entstehung einer produktiveren industriellen Konkurrenz. Die volle Gewerbefreiheit führte aber in Württemberg erst das Gesetz von 1862 ein. Gewerbevereins- und Schulgründung ausgerechnet während der Revolution sind also eher im Zusammenhang der wirtschaftlichen als in dem der politischen Modernisierung und der demokratischen Bewegung zu sehen.


Im allgemeinen waren die Gewerbevereine des 19. Jahrhunderts gegen die Gewerbefreiheit eingestellt.(7) Andererseits stellte die Aufhebung des Zunftzwanges eine wesentliche Voraussetzung der Industrialisierung und damit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandels dar, welcher von der Kleinhandwerkerschaft zunächst nur als Bedrohung erfahren werden konnte.


Die wirtschaftliche Misere des örtlichen Gewerbes ist schon daraus zu erschließen, dass man die Einwohnerzahl Nagolds mit der Zahl der Gewerbetreibenden und der Zahl der Personen, die zu ihnen in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis stehen, in Beziehung setzt: laut Oberamtsbeschreibung von 1862 hat die Stadt 2429 Einwohner; die Gewerbezählung ergibt 274 Handwerks- und Handelsbetriebe (ohne Wirte und Fuhrleute) mit insgesamt 261 Gehilfen. Berücksichtigt man, dass allein 2 Steinhauer 85 und 5 Zimmerleute 20 Gehilfen beschäftigten, dann stellt sich das Zahlenverhältnis so dar: 267 Selbständige mit insgesamt 156 Lohnabhängigen. Rechnet man noch Wirte und Fuhrleute hinzu, ist im Durchschnitt jeder achte Einwohner auch Inhaber eines nichtlandwirtschaftlichen Betriebes und beschäftigt weniger als eine halbe Arbeitskraft. Die Lohnarbeit steckt noch in den Anfängen, Klein- und Kleinstbetriebe beherrschen die Szene. Haupterwerbsquelle ist weiterhin die Landwirtschaft, die Gewerbetreibenden sind überwiegend auch noch Landwirte, das Vermögen der Bürger wird in Morgen Feldbesitz gemessen.(8) Das Leben in dem "sonst so ruhigen Tal" ist durch Armut geprägt.